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Historische Fundstücke zum 1. August

Aktualisiert: 2. Aug. 2023

Manchmal stolpert man unwissend über historische Quellen, die einen starken Bezug zur Schweizer Geschichte haben. Im Rahmen des hundertjährigen Geburtstags der Singstimmen Baselland haben wir unzählige Kisten mit Noten und Protokollen nach interessanten und wichtigen Dokumenten der Vereinsgeschichte durchforstet. Als kantonal ausgerichteter Lehrergesangverein war der Chor über viele Jahre hinweg ein fester Bestandteil der regionalen, musikalischen Chor- und Bildungskultur.

Bei meiner Suche ist mir plötzlich ein kopierter Notensatz in die Hände gekommen, der sich punkto Melodie und Satz stark an den Kirchenchoral «Wie schön leuchtet der Morgenstern» anlehnt.



Betitelt war das Lied mit «Vermahnlied an die Eidgenossenschaft», was mir im ersten Moment überhaupt nichts gesagt hat. Ich habe, wie heute so üblich, zuerst einmal «gegoogelt» und bin auf eine Version der Schweizer Blasmusikszene aufmerksam geworden, die dieses Lied unter «Vermahnlied der Eidgenossenschaft» in auffälligem Choralgewand auch im Repertoire hat:



Diese beiden Quellen haben mich stutzig gemacht, und ich habe anschliessend versucht, mehr zu diesem Lied herauszufinden. Autor des gefundenen Satzes ist Pierre Jacot. Sollte das der Pierre Jacot sein, der während des zweiten Weltkriegs den reformierten Kirchenchor Gelterkinden geleitet hat? Und wie ist dieser Satz in die Unterlagen des damaligen Lehrergesangvereins gekommen? Nach weiteren Recherchen konnte ich herausfinden, dass das «Vermahnlied der Eidgenossenschaft» zur Zeit der Weltkriege und auch später ein allgemein bekanntes Volkslied war. Ich konnte es gar in einem alten Schweizer Singbuch wiederfinden. Zusätzlich haben sich auch Albert Möschinger und Herrmann Ulbrich (Gründer der Knabenkantorei Basel) mit diesem Lied auseinandergesetzt und gar eigene Sätze dazu geschrieben. Es ist schon fast erstaunlich, dass dieses Lied heute derart stark aus dem «Volksliedgedankengut» verschwunden ist und auch ich es bis zu diesem Zeitpunkt nicht gekannt habe.


Eine interessante Quelle findet sich unter dem Buchabdruck: «Schwyzerfähnli, 1. Bändchen». Das Schwyzerfähnli war eine Sammlung von Soldatenliedern, die zur Zeit des ersten Weltkriegs von Hanns in der Gand, einem ausgebildeten Sänger und Volksliedsammler, für die Soldaten der Armee herausgegeben worden sind. Das bekannteste Lied aus dieser Sammlung ist das Stück «Gilberte de Courgenay», das bis heute in der ganzen Schweiz sehr bekannt ist. Der Text des Liedes "Vermahnlied an die Eidgenossenschaft" geht zurück auf den Berner Lehrer Benedikt Gletting, der es im 16. Jahrhundert (!) unter Titel «O usserwolte Eydgnoschafft» herausgegeben hat. Er wollte mit diesem Text die damals religiös stark zerstrittene Eidgenossenschaft zur Einheit mahnen.


Ich male mir nun folgende Geschichte aus: Während des zweiten Weltkriegs werden viele Soldatenlieder aus Gants Sammlung wieder in den Aktivdienstzeiten gesungen. Der Baselbieter Lehrer und Chorleiter Pierre Jacot kommt dabei auch mit dem «Vermahnlied der Eidgenossenschaft» in Kontakt, das sich durch seine choralartige Struktur stark von anderen Liedern unterscheidet. Er entscheidet sich, einen eigenen Satz zum Lied zu schreiben und lässt diesen in den Kriegszeiten auch anderen Chören der Region zukommen. So landet er auch im Archiv des damaligen Lehrergesangvereins.


Diese Geschichte passt derart gut zur Geschichte der heutigen Singstimmen Baselland, dass ich das Lied als historisches Beispiel und Phänomen ins Jubiläumskonzert einfach integrieren musste. Es ist ein Stück Schweizer Geschichte und reicht mit seinen Bezügen ins 16. Jahrhundert und zur Lutherbewegung weit über das Baselbiet hinaus. Ein faszinierendes, historisches Fundstück.




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