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Karfreitags-Konzert mit Fréderic Fischer und ukrainischer Klaviermusik



Wer kennt Fréderic Fischer? Vor einigen Jahren hat mir ein Chormitglied Noten eines Requiems von ihm gezeigt und fragte, ob wir das einmal zur Aufführung bringen könnten. Zu diesem Zeitpunkt war mir der Name des Komponisten und Musikers nicht sehr geläufig bis ich eher zufällig in Speicher (AR) ein Konzert mit einem Chorwerk von ihm zum Themenkreis «Fliegen und Saint-Exupéry», die "Segelflugsymphonie" mit einem Gymnasialchor besucht hatte. Seither ist mir Fréderic Fischer mit seiner direkten Verbindung zu Speicher und seinem Wohnort Trogen zumindest ein Begriff.

Nun wollte es ein weiterer Zufall, dass Fréderic am letzten Freitag in Speicher ein Konzert mit Wort und Musik mit Klavierkompositionen des ukrainischen Komponisten Sergei Bortkiewicz (1877-1972) gab. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur wenig von diesem Komponisten gehört und ich wusste eigentlich wieder nicht genau, was mich erwartet, da ich ja auch den Pianisten bisher vor allem eher als Komponisten gekannt habe. Umso grösser war dann die Überaschung als die ersten Töne des Flügels erklangen. Es tat sich eine eigenständige, an der romantischen Klaviermusik orientierte, authentische Klangwelt auf. Grosse Vorbilder wie Beethoven oder Schumann erschienen vor meinem inneren Auge und Ohr.

Frédéric Fischer hatte in seiner Konzerteinführung vom letzten Freitag geschrieben, dass Bortkiewicz als romantischer Komponist eine völlig eigene Klangwelt erschaffen und somit eine Renaissance verdient hätte. Dieser Aussage kann ich nach dem Konzert nur zustimmen. Während andere unbekannte Zeitgenossen teilweise eher unförmige postromantische Stücke geschrieben haben, sind die Werke von Bortkiewicz erstaunlich ausgereift und klanglich sehr ansprechend gestaltet.

Wie viele andere hatte der Komponist mit den Wirren nach der Jahrhundertwende um 1900 stark zu kämpfen. So musste er nach Studienjahren und Aufenthalten in Leipzig und Berlin, wo er sich vermutlich stark mit der deutschen Schule befasst hat, kurz nach Ausbruch des ersten Weltkriegs nach Russland zurückkehren, wo er jedoch in den Wirren der russischen Revolution sein ganzes Vermögen verlor und ohne jeglichen Besitz nach Istanbul fliehen und seinen Lebensabend schliesslich in Wien verbringen musste, wie der Seelsorger Marco Süess am letzten Freitag eindrücklich aus führte.

Die Geschichte von Sergei Bortkiewicz ist diejenige eines Flüchtenden und somit brandaktuell. Die Sonate in H-Dur, die der Komponist kurz vor Kriegsausbruch quasi vor der Krisenzeit geschrieben hat, zeugt von einer hochstehenden Schaffenskraft. Das Werk ist technisch sehr anspruchsvoll und verbindet auf kunstvolle Weise modale, choralartige Klänge in Anlehnung an orthodoxe Kirchenmusik mit romantischer Klaviersprache, derer sich der Komponist stark verpflichtet gefühlt hat.

Frédéric Fischer ist weit über siebzig Jahre alt und es war eindrücklich mitzuerleben, wie er sich an diesem Abend den Herausforderungen dieser anspruchsvollen Klavierliteratur gestellt hat. Besonders reizvoll und mit schönem Klang gestaltete er zu Beginn des Konzerts einige Stücke aus dem Zyklus «Kindheit», der mich vom Konzept her stark an Schumanns Kinderszenen erinnert hat.

Bei der grossen H-Dur-Sonate kam dann der etwas in die Jahre gekommene Flügel "zünftig" ins Wanken. Die klanglichen Möglichkeiten des romantischen Klavierspiels wurden hier voll ausgelotet und verlangten hohes technisches Geschick. Frédéric Fischer ist es auf beeindruckende Weise gelungen, diese unbekannte Klaviermusik überzeugend darzustellen. Nie und nimmer hätte ich damit gerechnet, unverhofft zu einem derartigen Konzerterlebnis zu kommen.

Nach dem Konzert suchte ich noch kurz das Gespräch mit dem Musiker. In Zürich zum Klavierlehrer ausgebildet hat Fréderic Fischer weit über dreissig Jahr lange Klavier an der Kantonsschule in Trogen unterrichtet. Das Konzertieren hat er über Jahre hinweg immer wieder intensiv gepflegt und es ist vermutlich diesem Umstand zu verdanken, dass der Musiker in seinem Alter immer noch über hohe pianistische Fertigkeiten verfügt. Ich kenne viele andere Klavierunterrichtende, die neben dem Unterrichten nur wenig Konzerte geben. Umso eindrücklicher war es zu beobachten, wie intensiv Fréderic Fischer sich dem Konzertieren heute noch hingeben kann. Resultat war spürbare, pure Leidenschaft und Passion am Karfreitagskonzert vom 7. April 2023 in Speicher (AR).

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