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Tränen der Rührung in der Winterreise von Felix Gygli

Aktualisiert: 23. Nov. 2023

Heute wurde in den Medien darüber berichtet, wie Roger Federer am Konzert des Tenors Andrea Bocelli in Tränen ausgebrochen sei. Auch ich bin manchmal recht nahe am Wasser gebaut und es ist gar nicht so einfach erklärbar, was in einem Moment der Rührung in mir abläuft. Rührung ist für mich so etwas wie ein emotionales Ventil. Erst wenn die unterschiedlichsten Emotionen quasi unverhofft über mich hereinbrechen, setzt bei mir das intensive Gefühl der Rührung ein. Das Stück «Nessun dorma» endet mit «vincero» (ich werde siegen). Roger Federer dürfte sich in dieser Situation an viele starke emotionale Momente zurückerinnert haben und ist vermutlich deswegen in Tränen ausgebrochen, oder vielleicht geschah es auch einfach so, ohne Erklärung.

Am letzten Sonntag erging es mir an einem Konzert der Winterreise unverhofft sehr ähnlich. Felix Gygli, ehemaliger Schüler des Gymnasiums Muttenz, hatte im Rahmen der Konzertreihe «For Young Musicians» zu seiner ersten Winterreise eingeladen. „Die Winterreise“ ist ein Liederzyklus von Franz Schubert bestehend aus legendären 24 Stücken, die eine aufwühlende, innere Gefühlsreise eines jungen Mannes auf wunderbare Weise zum Ausdruck bringen. Der Zyklus gilt als absoluter Höhepunkt des Liedschaffens und muss in jeder Sängerkarriere bei der Erstaufführung als Meilenstein bezeichnet werden.

Nun sitze ich also im Publikum und warte gespannt auf die ersten Klänge der Winterreise. Das Konzert ist gleichzeitig auch Abschluss einer Paliativwoche zum Thema «gemeinsam statt einsam» und ich gehe gemeinsam mit meiner Mutter dorthin. Es hat sich nämlich so ergeben, dass meine Mutter mir ein Interview mit Felix gezeigt hat, in dem er mich als sein ehemaliger Musiklehrer persönlich erwähnt. Tatsächlich habe ich ihm vor zig Jahren empfohlen, Gesangsunterricht zu nehmen und die Winterreise kommt exemplarisch bei mir fast in allen Kursen am Gymnasium vor. Ich freue mich auf das Konzert und habe schon viele Fassungen der Winterreise live und in diversen Aufnahmen gehört, gespielt und gesungen. Ich kenne das Werk recht gut und weiss, was mich erwartet, das habe ich zumindest gedacht….

Und dann beginnt das Klavier und Felix setzt ein…»fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…Ein junger Mensch wandert einsam durch eine kalte Winterlandschaft. Felix hat sich sehr genau überlegt, wie er diesen jungen Menschen musikalisch darstellen will. Die Gefühlswelt der Musik wird unmittelbar direkt verkörpert und das überrumpelt mich völlig. Vor mir steht ein verwandelter junger Mann, der mich mit seiner Ausdruckskraft vom ersten Ton an zu fesseln vermag. Und genau in diesem Moment ergeht es mir wie Roger Federer und die Tränen fliessen in Strömen über mein Gesicht. Ähnlich ist er mir bisher erst bei einer Dichterliebe von Mauro Peter ergangen und ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass mich Schuberts Musik an diesem Morgen wieder derart treffen könnte.

Es dauert eine ziemliche Weile, bis ich mich wieder etwas gefangen habe. Die Musik oder die Gefühlsreise nimmt mich von Ton zu Ton mit wie auf einen Trip. Da gibt es keine Längen und kein Abschweifen sondern nur unmittelbare, intensiv gelebt und gestaltete Musik. Dass Tränen als Motiv in dieser Musik tatsächlich auch häufig vorkommen, kommt mir unwirklich und etwas seltsam vor.

Die Tränen, die mir hier passieren, sind Ausdruck einer tiefen, inneren Ergriffenheit. Sie lassen sich nicht planen und schon gar nicht erzwingen. Das Gefühl, das dabei entsteht, ist für mich extrem intensiv, unmittelbar und echt.

Kürzlich habe ich mit einer Schulklasse das Lied «für immer uf di» von Bühne Huber gesungen und dabei festgestellt, dass auch junge Menschen bei diesem Lied Rührung empfinden. Ich habe sie dann gefragt, was denn hier so berührend sei und sie haben geantwortet, dass es gleichzeitig extrem traurig und glücklich mache. Schwierige Gefühle werden mit positiven Gedanken verbunden und können so innerlich sehr bewegend werden.

Interessanterweise ist es nicht allen der Klasse gleich ergangen. Auch am letzten Sonntag haben viele Rührung gezeigt aber derart intensiv Tränen vergossen wie ich, haben, wenn überhaupt, nur wenige. Mitgefühl ist wohl eine der Ursachen, wie Rührung entstehen kann. Das verrückte daran ist, dass eigentlich jede Tagesschau zurzeit mindestens so sehr zum Heulen ist wie eine Aufführung von Schuberts Winterreise. Etwas mehr tränenreicher Weltschmerz und weniger nüchternes Machtkalkül könnte in unserer Zeit durchaus heilsam sein...

 

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