Genius Loci – Klang gewordene Geschichte der Berliner Singakademie
- juergsiegrist
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Es gibt Konzerte, die mehr sind als eine Abfolge musikalischer Werke – sie eröffnen Räume. Der Kammerchor Notabene hat mit seinem Programm „Genius Loci“ genau einen solchen Raum geschaffen: einen klanglichen Ort, der sich nicht allein im Konzertsaal entfaltet, sondern tief in die Musikgeschichte hineinreicht. Im Zentrum stand dabei Berlin – nicht nur als geografischer Bezugspunkt, sondern als geistiges und künstlerisches Kraftfeld, das die europäische Chormusik nachhaltig geprägt hat.
Berlin wurde im 18. und 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Zentrum der Chorkultur. Hier wirkten Komponisten, Pädagogen und Ensembles, die das Erbe Johann Sebastian Bachs wiederentdeckten und weitertrugen. Besonders die Bach-Renaissance im frühen 19. Jahrhundert ist untrennbar mit dieser Stadt verbunden – und mit einem Namen: Felix Mendelssohn Bartholdy. Seine legendäre Wiederaufführung der Matthäuspassion im Jahr 1829 gilt als Initialzündung für die erneute Wertschätzung Bachs.
Das Programm von Notabene griff diese historische Linie sensibel auf und spannte einen Bogen von Bach bis Mendelssohn – und darüber hinaus. Besonders eindrucksvoll war die Einbindung von Werken aus dem Umfeld des sogenannten „Zelter-Kreises“, jener musikalischen Gemeinschaft um Carl Friedrich Zelter, die Mendelssohn prägte und Bachs Musik pflegte. Diese Verbindung wurde nicht nur musikhistorisch, sondern auch klanglich erlebbar gemacht.
Ein besonderer Akzent lag auf der oft zu wenig gewürdigten Fanny Hensel, geborene Mendelssohn. Als Schwester Felix Mendelssohns und eigenständige Komponistin brachte sie eine eigene Stimme in die Berliner Musikszene ein. Ihre Werke stehen exemplarisch für eine feinsinnige, intime Chorkultur, die sich zwischen familiärem Musizieren und öffentlicher Anerkennung bewegte. In der Interpretation durch den Kammerchor wurde diese Vielschichtigkeit eindrucksvoll hörbar.
Ein Höhepunkt des Abends war Mendelssohns frühes Werk „Te Deum“. Hier zeigt sich bereits in jungen Jahren seine tiefe Verehrung für Bach: kontrapunktische Strenge, klare formale Anlage und zugleich eine romantische Klangsprache, die über das barocke Vorbild hinausweist. Der Chor arbeitete diese Spannung zwischen Tradition und Aufbruch differenziert heraus und ließ die musikalische Entwicklung Mendelssohns lebendig werden.
Begleitet wurde das Konzert von Sebastian Bausch am Klavier, der mit großer Sensibilität und stilistischem Gespür agierte. Seine Begleitung war weit mehr als ein Fundament – sie war ein dialogischer Partner, der die vokalen Linien stützte, kommentierte und an entscheidenden Stellen neue klangliche Perspektiven eröffnete.
„Genius Loci“ wurde so zu einem eindrucksvollen musikalischen Essay über Ort, Erinnerung und Weitergabe. Berlin erschien nicht nur als historischer Hintergrund, sondern als lebendiger Resonanzraum, in dem sich musikalische Ideen über Generationen hinweg entfalten. Der Kammerchor Notabene hat diesen Geist nicht nur beschworen – er hat ihn hörbar gemacht.



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