Mein Leben im Chor: Von Zufällen und Talenten
- juergsiegrist
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Aktualisiert: vor 8 Stunden

Mein Leben ist Chor oder umgekehrt der Chor ist mein Leben, oder zumindest ein großer Teil davon. Wenn große Medienhypestars wie Roger Federer von ihrer Tennisleidenschaft berichten, hat das einen unglaublich großen Wirkungskreis und hohen kommerziellen Wert. Meine Geschichte ist nicht kommerziell vermarktbar. Sie ist um mich und aus mir auf Grund von meiner Anlage, Zufällen und großer Leidenschaft entstanden. Dabei habe ich mich nie wirklich um Vermarktung und Kommerz gekümmert. Eher im Gegenteil, es war mir immer fast etwas widerwärtig, mein Leben einer Kommerzmaschinerie auszusetzen.
Gesungen haben wir in meiner Kindheit vor allem zuerst in der Familie. Meine Mutter ist eine gute Sängerin und hat im Chorsingen schon selber in jungen Jahren eine Leidenschaft für sich entdeckt. Auch mein Großvater sang in Bern im Berner Männerchor und hat dort einige gute Bekanntschaften gepflegt. Die Affinität zum Chorsingen kam daher eher von meiner Mutter, während ich mit meinem Vater eher Tennis gespielt habe, was mir zwar auch Spaß gemacht hat, jedoch bei mir viel weniger auf Resonanz und Hingabe stieß.
Eine meiner früheren Kindheitserinnerungen zu Chormusik ist eine Schallplatte der Wiener Sängerknaben, die meine Mutter jeweils zur Weihnachtszeit aufgelegt hat. Über diese Erinnerung habe ich schon ein paarmal geschrieben und sie ist als klangliches, intensives Erlebnis tief in mir verwurzelt.
Nun wollte es der Zufall, dass meine Lehrerin, die in der Primarschule musikalische Früherziehung unterrichtete, von meiner Singstimme sehr beeindruckt war. „Dieser Junge singt so erstaunlich rein!“ hat sie immer wieder gesagt und meine Eltern darauf angesprochen. Kurz darauf saß ich auch schon im Jugendchor Muttenz in den ersten Proben des neu gegründeten Jugendchors, der vom jungen Beat Raaflaub geleitet wurde. Und es war wieder eher ein Zufall, dass gerade dieser Beat Raaflaub kurze Zeit später die Leitung der Knabenkantorei Basel übernehmen konnte.
So nahm ich einige Zeit später am Aufnahmeverfahren zum Grundkurs der Knabenkantorei Basel teil. Ich kann mich gut erinnern, wie ich in der Krypta unterhalb des Münstersaals, wo früher große Konzile abgehalten worden sind (das wusste ich damals natürlich noch nicht) „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ gesungen habe. Der Klang hallte wunderbar und erfüllte den ganzen Raum. Bei Frau Brunner mussten wir Melodien nachsingen. Das gelang mir offensichtlich recht gut, denn ich kann mich heute noch sehr bildhaft an den verdutzten Gesichtsausdruck von Frau Brunner erinnern. Sie sagte: „Hast du etwas wie das absolute Gehör?“ Sie fragte, welcher Ton das sei. Nein, das absolute Gehör hatte ich nicht, ich wusste damals nicht mal, was das war und verstand die Aufregung eigentlich überhaupt nicht.
Nun wollte es die Geschichte, dass die Knabenkantorei damals nach einem erneuten Dirigentenwechsel eher wenig Knabenstimmen im Konzertchor zu verzeichnen hatte. Daher konnte ich ohne Grundkurs sofort in den Chor eintreten. Das kam nicht bei all meinen neuen Kollegen gut an, und ich kann mich recht intensiv an eine Szene erinnern, in der einer der älteren Sänger zu meinem Sitznachbar sagte: „Was, du setzt dich neben den hin?“ Für mich war das neu, irritierend und befremdlich zugleich. Zum Glück hat mein Sitznachbar salopp geantwortet: „Ja, klar!“
Das Singen im Sopran war vom Einstieg von Beat Raaflaub im Frühjahr 1983 geprägt, den ich am Anfang als einzigen schon etwas kannte. Bei den Männerstimmen gab es einige, die Leitungsfunktionen übernommen hatten und auch Stimmproben leiteten. Eine professionelle Chorassistenz gab es noch nicht, sollte mit Silvio Gabrieli jedoch einige Jahre später eingeführt werden. Eine Episode, die mir noch sehr präsent geblieben ist, muss einer meiner ersten Auftritte auf der Orgelempore des Basler Münsters an einem Sonntagsgottesdienst gewesen sein. Ich saß in der Nähe von Beat Raaflaub, und als wir nach dem Chorbeitrag wieder auf unseren Stühlen saßen, nahm Beat die Stimmgabel zum Ohr und sagte etwas frustriert: „Eine Terz gesunken!“
Eine weitere Episode, an die ich mich erinnern kann, hat sich während der Pause einer Chorprobe ereignet. Es gab Sänger, deren Karriere schon quasi vorbestimmt war. Eine Haltung, die mir völlig fremd war. Einer dieser Sänger ging in der Pause zum Klavier und demonstrierte, wie hoch er singen konnte. Einige machten wacker mit, und es war natürlich klar, dass er am höchsten singen konnte. Irgendwie hat mich das fasziniert, und ich bin auch zum Klavier gegangen und habe gefragt: „Darf ich auch mitmachen?“ Der Sänger spielte die Töne am Klavier höher und höher, und ich sang problemlos auch höher und höher, bis er sagte: „Das ist jetzt ja bereits die Lage der Königin der Nacht!“ Am Klavier saß damals Hanno Müller-Brachmann.
Im Herbst 1983 fand mein erstes Chorlager in Broc statt. Einige der Männerstimmen nannten mich damals „Kantoreibuschi“, war ich doch gerade mal neun Jahre alt. Das Lager war für mich eine absolut neue Welt. Heimweh kannte ich eigentlich nicht, dafür war alles viel zu aufregend und intensiv im Erlebnis. Es ging rau zu und her. Stühle flogen aus den Fenstern, und nach einer unglaublich wilden Räuber- und Polizeijagd gab es mehrere Verletzte. Einer von ihnen musste von da an mit Krücken gehen, und ich kann mich gut daran erinnern, wie ihm bei einer Führung in der lokalen Schokoladefabrik die Schweißperlen von der Stirn rannen, weil wir alles zu Fuß gehen mussten. Plötzlich kam ein älterer Sänger zu ihm und fragte: „Soll ich dich tragen?“ Und er trug ihn den ganzen Rest der Führung auf den Armen.
Auf dem Programm standen damals vor allem geistliche Werke a cappella von Schütz und anderen. Ich wusste nicht, was wir da eigentlich sangen, fand es allerdings sehr schön. Am Schlussabend sangen die älteren Sänger einige Ausschnitte des Repertoires hinter einem Vorhang versteckt, und wir mussten erraten, welche es waren. Ich hatte keine Ahnung und kann mich nur noch erinnern, dass ich einmal „Chor Archiv“ geschrieben habe, weil das so auf dem Deckblatt gestanden hat…



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