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Mein Leben im Chor: Und immer wieder Bach…

Die intensivsten Kindheitserinnerungen, die ich an grosse Chorprojekte habe, stehen in Verbindung mit der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Damals war es noch üblich, das Werk in grossen Besetzungen aufzuführen, und vor meinem inneren Auge ziehen Bilder eines riesigen Chorpodiums vorbei, das im Basler Münster in Richtung Orgelempore errichtet worden war. Die Bühne bot Platz für zwei Orchester, drei Chöre (inklusive Knabenstimmen für die legendären Cantus-firmus-Melodien) sowie alle Solistinnen und Solisten.

Wir Knaben standen damals zuoberst und hatten einen beeindruckenden Ausblick auf das gesamte Geschehen. Étienne Krähenbühl leitete in jener Zeit quasi als Basler Musikdirektor gleichzeitig den Gesangverein und den Bach-Chor. Zudem war er Stimmbildner und eine Art Vizedirigent in der Knabenkantorei Basel.

Wie schon im letzten Artikel erwähnt, fiel meine sängerische Begabung als Kind in gewisser Weise auf. Da ich zudem keinen Grundkurs besucht hatte, beschloss die Leitung, mich während der Proben in eine Art Förderkurs zu schicken. Dieser fand regelmässig bei Étienne Krähenbühl statt und war eine Art Versuch.

Ich erinnere mich gut an eines der ersten Treffen: Herr Krähenbühl sang mir eine lyrische Melodie vor und fragte: „Was kannst du dir unter dieser Melodie vorstellen?“ Für mich war es eine Waldszene, und ich antwortete: „Ein Reh im Wald.“ Seine trockene Reaktion: „Nein, das ist doch ein Adler!“ Kurz darauf wurde der Förderunterricht wieder eingestellt.

Die Musik von Bach liess mich jedoch nicht mehr los. Eines Tages nahm ich die Noten, stellte sie auf den Notenständer meines Klaviers und begann, Stücke aus der Matthäuspassion zu spielen. Besonders angetan hatten es mir die Choräle: auf eine Weise schlicht und doch – je nach Text – kunstvoll gesetzt.

Als erstes spielte ich den Eingangschoral „Herzliebster Jesu“ und brachte ihn bald darauf in den Klavierunterricht mit. Meine Klavierlehrerin war über meine Initiative sichtbar erstaunt. Viel mehr entwickelte sich daraus allerdings nicht. Für mich selbst wurde dieser Choral jedoch zu einem ständigen Begleiter: Ich spielte ihn auf jedem Klavier, das mir begegnete – im Primarschulzimmer, auf dem verstimmten Instrument im Lagerhaus oder bei uns zu Hause im Keller.

Die Reaktionen der Erwachsenen waren unterschiedlich: Mein religiöser Primarlehrer war sehr erfreut, während einer der damaligen Vizedirigenten – der selbst nicht Klavier spielen konnte – einmal demonstrativ weiterblätterte und meinte: „Jetzt kannst du ja das auch noch spielen.“ Schade nur, dass er dabei so hämisch lachte.

Im Jahr 1986 führte die Knabenkantorei die Matthäuspassion – wohl im darauffolgenden Frühling – erstmals unter der Leitung von Beat Raaflaub auf. Es war ein ambitioniertes Projekt mit Beteiligung des Symphonischen Orchesters Zürich und des Kammerchors Zürcher Unterland. Historische Aufführungspraxis spielte dabei vermutlich noch keine grosse Rolle.

Ich erinnere mich an einzelne Szenen im Fraumünster sowie an einen eindrücklichen Peter Koller, der das Continuo an der Orgel spielte – und dabei, zu meinem kindlichen Erstaunen, gewisse Unsicherheiten nicht ganz verbergen konnte. Die Matthäuspassion ist lang – für ein Kind sogar sehr lang. Trotzdem kann ich mich an keinen Moment erinnern, in dem mir langweilig gewesen wäre. Vielleicht verklären meine Erinnerungen das ein wenig.

Die Faszination für Bach war damit endgültig geweckt. Schon zuvor gehörte der berühmte Choral „Jesu bleibet meine Freude“ aus der Kantate BWV 147 zu meinen Lieblingsstücken. Auf einer Schallplatte über das Leben Bachs, die ich als Kind oft hörte, wird dieser Choral im Zusammenhang mit dem Besuch von Friedrich dem Grossen gespielt.

Damals sagte ich meiner Klavierlehrerin: „Wenn ich dieses Stück spielen kann, höre ich mit dem Klavierunterricht auf.“ Kurz darauf zeigte sie mir den Klavierauszug. Heute weiss ich, dass das Werk ursprünglich für Chor und Orchester geschrieben wurde und sich auf dem Klavier nur bedingt authentisch darstellen lässt – schön ist es dennoch.

Mein Klavierlehrer an der Hochschule, Rolf Mäser, erzählte mir einmal eine Anekdote: „Als wir unseren Kindern ihren ersten Commodore-Computer kauften, konnte dieses Gerät die Melodie aus BWV 147 mit schrecklichem Klang wiedergeben. Man konnte das Tempo regulieren – ich drehte es auf das Maximum. Was meinst du, wie das klang?“ Ich antwortete: „Keine Ahnung.“ Seine schelmische Antwort: „Schrrrrump – und vorbei!“

Vor einiger Zeit spielten wir das Stück „Jesu bleibet meine Freude“ bei einem Weihnachtskonzert. Ich übernahm dabei das Klavierspielen des Klavierauszugs. Am Ende der Vorprobe wollte ich die Noten zusammenpacken – doch die Kantate BWV 147 war verschwunden. Ich konnte mir nicht erklären, wo sie geblieben war. Zum Glück hatte ich noch genügend Zeit, nach Hause zu fahren und die Noten erneut auszudrucken. Vor dem Konzert legte ich sie dann auf das Klavier. Doch als ich zehn Minuten vor Beginn noch einmal nachschaute, traute ich meinen Augen kaum: Die Noten waren wieder verschwunden! Zum Glück konnte mir mein Kollege mit seinem iPad aushelfen. Heute sind Computer also zu weitaus mehr fähig als nur… „Schrrrrrump – und vorbei“. Was bleibt, ist die unvergleichliche Schönheit von Bachs Musik, die über Jahrhunderte hinweg Menschen berührt und bis heute fasziniert.

 
 
 

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