top of page

Chancen und Risiken von Bildungsmonitoring

8. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Sept.


Seit März ist er offiziell einsehbar, der neue Schweizerische Bildungsbericht. Heute wurden zusätzlich in den Medien die neuesten Resultate der PISA-Studie veröffentlicht. Die Schweiz kann im internationalen Vergleich gut mithalten. Gleichzeitig wurde jedoch in allen Ländern ein Rückgang der Leistungen im Leseverständnis und in der Mathematik festgestellt. Auch die Schweiz ist von dieser Entwicklung betroffen, und die Diskussionen über weitere Massnahmen nehmen einmal mehr Fahrt auf.

Viele Lehrbetriebe berichten zudem über schwächere Grundbildungen ihrer Auszubildenden in Deutsch und Mathematik. Teilweise wird von Rückständen bis zu einem Jahr berichtet. Die Verbände haben deshalb aktuell Massnahmen gefordert.


Mehr als zusätzliche Unterrichtsstunden

Wenn ein Phänomen auf mehreren Ebenen, in Leistungschecks und in unterschiedlichen fachlichen Bereichen wahrgenommen wird, dürfte tatsächlich etwas daran sein. Die entscheidende Frage ist jedoch, welche Massnahmen auf diese Entwicklung sinnvoll reagieren können.

Als Vater, Musiklehrperson und Schulrat bin ich derzeit sehr direkt mit dem Bildungswesen verbunden und beobachte die jüngsten Entwicklungen deshalb mit einer gewissen Skepsis.

Meiner Ansicht nach greift es zu kurz, die Lösung allein darin zu suchen, die Zahl der Unterrichtsstunden in Mathematik und Deutsch weiter zu erhöhen. Natürlich können zusätzliche Übungsgelegenheiten einen gewissen Effekt haben. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass durch einfache und naheliegende Lösungsansätze andere, weniger offensichtliche Ursachen aus dem Blick geraten.


Was gutes Lernen ermöglicht

Als Musiklehrer bin ich Vertreter eines typischen «Übfaches». Gerade in jüngster Zeit habe ich begonnen, im Unterricht bewusster auf die Bedeutung des Übens und seine Auswirkungen auf das Lernen aufmerksam zu machen.

Lernen findet nicht einfach dadurch statt, dass Schülerinnen und Schüler möglichst lange am Pult sitzen. Entscheidend sind auch Motivation, Übung, Feedback, soziale Erfahrungen und ein Lernklima, in dem sich Kinder und Jugendliche sicher und ernst genommen fühlen.

Ein gutes Lernklima entsteht jedoch nicht von selbst. Es muss mit einer Lerngruppe – meistens einer Schulklasse – über längere Zeit aufgebaut und gepflegt werden. Erst wenn sich ein Kind in einer Lerngruppe sicher aufgehoben fühlt und auf ein verlässliches Klima vertrauen kann, entstehen gute Voraussetzungen für konzentriertes und nachhaltiges Lernen.


Lernen durch Üben und Erfahrung

Ein Fach wie Musik wird dabei häufig als weniger wichtig behandelt. Fächer, die unmittelbar mit Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen verbunden sind, erhalten verständlicherweise ein besonders hohes Gewicht und werden in standardisierten Leistungstests regelmässig überprüft.

Aber was ist mit anderen Fähigkeiten?

Ob eine jugendliche Person einen Puls halten, gemeinsam musizieren, einen Ton sicher singen oder aufmerksam auf andere reagieren kann, erscheint in solchen Messungen kaum. Dabei sind auch dies Fähigkeiten, die Konzentration, Wahrnehmung, Übung, Selbststeuerung und soziale Kompetenz voraussetzen.

Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der dem Fächerkanon stärker ein gewisses Gleichgewicht zugesprochen wurde und Fähigkeiten noch ganzheitlicher betrachtet wurden. Gerade in alternativen pädagogischen Traditionen wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Bildung mehr umfasst als das, was sich standardisiert messen lässt.

Mit dem zunehmenden Einsatz von Bildungsmonitoring und standardisierten Leistungserhebungen besteht die Gefahr, dass solche Perspektiven an Bedeutung verlieren.


Wenn das Messbare zum Massstab wird

Der zunehmende Anteil akademisch gebildeter Menschen zeigt, dass formale Bildungsabschlüsse in unserer Gesellschaft eine immer grössere Bedeutung erhalten. Daraus lässt sich allerdings nicht automatisch ableiten, dass Menschen insgesamt leistungsfähiger oder «intelligenter» geworden sind.

Auch bei Veränderungen von IQ-Testwerten über längere Zeiträume ist Vorsicht angebracht. Solche Entwicklungen sind wissenschaftlich komplex und lassen sich nicht einfach auf einzelne Ursachen zurückführen.

Gerade deshalb stellt sich für mich eine grundsätzliche Frage:

Was geschieht, wenn Bildung immer stärker nach dem beurteilt wird, was sich messen und vergleichen lässt?

Bildungsmonitoring kann wichtige Informationen liefern. Es kann Probleme sichtbar machen, Entwicklungen aufzeigen und politische Entscheidungen unterstützen. Es darf aber nicht selbst zum Ziel der Bildung werden.

Die Gefahr liegt darin, dass sich Schule zunehmend auf jene Leistungen konzentriert, die besonders gut messbar sind – und andere Bildungsbereiche dadurch ungewollt an Bedeutung verlieren.


Viele Zahlen – aber welche Schlussfolgerungen?

Die Bildungspolitik tut sich meiner Ansicht nach häufig schwer damit, aus den vorhandenen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Gleichzeitig sind auch Expertinnen und Experten vorsichtig damit, aus einzelnen statistischen Entwicklungen weitreichende Empfehlungen abzuleiten.

So entsteht paradoxerweise trotz immer mehr Daten eine gewisse Unsicherheit darüber, welche Entwicklungsschritte in der Bildung tatsächlich sinnvoll sind.

Daten können zeigen, dass sich etwas verändert. Sie beantworten jedoch nicht automatisch die Frage, warum es sich verändert – und noch weniger die Frage, was wir deshalb tun sollten.

Genau hier beginnt die eigentliche bildungspolitische Verantwortung.


Zu viel Stoff – zu wenig Zeit zum Lernen

Persönlich bin ich der Meinung, dass unser Ausbildungssystem teilweise stark überladen ist und die Bedürfnisse der Kinder dabei aus den Augen verliert.

Mit neuen, kompetenzorientierten Lehrmitteln werden Schülerinnen und Schüler teilweise mit enormen Mengen an Material konfrontiert. Aufwendige Wochenpläne zeugen von unzähligen Übungen, die nicht immer ausreichend mit dem persönlichen Lernprozess verbunden sind.

Auch die viel beschworene «Selbstständigkeit» kann problematisch werden, wenn Schülerinnen und Schüler zwar ständig selbstständig arbeiten sollen, dabei aber zu wenig Orientierung, gemeinsames Lernen und direkte Rückmeldung erhalten.

Selbstständigkeit bedeutet nicht, Kinder möglichst häufig allein zu lassen. Gute Selbstständigkeit entsteht vielmehr dort, wo Kinder etwas verstanden haben, Sicherheit gewonnen haben und zunehmend Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess übernehmen können.


Gemeinsames Lernen braucht Gemeinschaft

Auch das Klima in heterogenen Schulklassen kann herausfordernd sein. Wenn gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Lernerfahrungen und verbindliche Strukturen fehlen, wird konzentriertes gemeinsames Arbeiten schwieriger.

Gerade hier liegt meines Erachtens eine grosse, oft unterschätzte Chance.

Musik, Sport, gemeinsames Gestalten, Projekte und andere Formen des gemeinsamen Lernens können Verbindungen schaffen, die über das einzelne Fach hinausreichen. Sie fördern nicht nur einzelne Fähigkeiten, sondern auch Zugehörigkeit, Verbindlichkeit und die Erfahrung, gemeinsam etwas erreichen zu können.


Nicht mehr Unterricht – sondern besseres Lernen

Nein, es braucht nicht einfach mehr Mathematik- und Deutschstunden.

Es braucht eine stärkere Hinwendung zu dem, was gutes Lernen überhaupt ermöglicht:

Ein gutes Lern- und Arbeitsklima.


Vielfältige Übungsgelegenheiten.


Positive Verstärkung und konstruktives Feedback.


Zeit für Wiederholung und Vertiefung.


Gemeinsame Lernerfahrungen.


Und Lehrpersonen, die den Mut haben, sich zumindest teilweise vom äusseren Druck zu lösen und den wirklich wesentlichen Lernprozessen wieder mehr Zeit und Raum zu geben.

Auch die zunehmende Bedeutung einer verantwortungsvollen Mediennutzung im Jugendalter gehört für mich in diesen Zusammenhang. Wenn Aufmerksamkeit ständig durch digitale Reize beansprucht wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie konzentriertes und nachhaltiges Lernen gelingen kann.

Verschiedene Projekte mit erweitertem Musikunterricht haben bereits gezeigt, dass zusätzliche musikalische Erfahrungen weit über das eigentliche Fach hinauswirken können.

Vielleicht sollten wir deshalb bei der aktuellen Diskussion einen Schritt zurücktreten.

Nicht jede Verschlechterung eines Testergebnisses verlangt automatisch nach mehr Unterrichtsstunden im entsprechenden Fach.

Manchmal müssen wir zuerst fragen:

Was brauchen Kinder und Jugendliche, damit Lernen wieder besser gelingt?

Denn am Ende entscheidet nicht die Anzahl der Unterrichtsstunden über den Bildungserfolg.

Entscheidend ist die Qualität des Lernens.

 
 
 

Kommentare


© Copyright
bottom of page