Chancen und Risiken von Bildungsmonitoring

Chancen und Risiken
Seit März ist er offiziell einsehbar, der neue Schweizerische Bildungsbericht. Heute wurden zusätzlich in den Medien die neuesten Resultate der PISA-Studie veröffentlicht. Die Schweiz kann gut mithalten, zusätzlich wurde jedoch in allen Ländern ein Rückgang der Fähigkeiten beim Leseverständnis und In der Mathematik festgestellt. Die Schweiz ist von diesem Phänomen auch betroffen, und die Diskussionen über weitere Massnahmen nehmen einmal mehr Fahrt auf. Viele Lehrbetriebe berichten auch über schwächere Grundbildungen ihrer Auszubildenden in Deutsch und Mathematik. Es wird von Rückständen bis zu einem Jahr berichtet. Die Verbände haben deshalb aktuell Massnahmen gefordert.
Mehr als zusätzliche Unterrichtsstunden
Wenn ein Phänomen auf mehreren Ebenen, in Leistungschecks und anderen fachlichen Bereichen wahrgenommen wird, dürfte tatsächlich etwas daran sein. Die Frage ist nur, welche Massnahmen auf die genannten Entwicklungen auf sinnvolle Art und Weise ergriffen werden können. Als Vater, Musiklehrperson und Schulrat bin ich zurzeit sehr direkt mit dem Bildungswesen in Kontakt und beobachte die jüngsten Entwicklungen mit einer gewissen Skepsis. Meiner Ansicht nach greift zu kurz, die Lösung nur darin zu suchen, die Stunden in Mathematik und Deutsch weiter zu erhöhen. Natürlich dürften derartige Massnahmen vermutlich einen gewissen Effekt zeigen, gleichzeitig besteht jedoch Gefahr, dass gewisse blinde Flecken mit einfachen, naheliegenden Lösungsansätzen leicht übersehen werden können.
Was gutes Lernen ermöglicht
Als Musiklehrer bin ich Vertreter eines typischen „Übfaches“. Ich habe gerade in jüngster Zeit damit begonnen, im Unterricht auf die Phänomene des Übens und ihre Auswirkungen auf das Lernen explizit aufmerksam zu machen. Gerade Kinder und Jugendliche lernen erwiesenermassen nicht nur „am Pult“ sitzend am besten, sondern viel eher dadurch, dass auf ihre Bedürfnisse auf ein gutes Lernklima Rücksicht genommen wird. Ein gutes Lernklima ergibt sich jedoch nicht von selbst, sondern muss mit der Lerngruppe, die ja meistens eine Schulklasse ist, über längere Zeit erarbeitet werden. Erst wenn sich das Kind in einer Lerngruppe sicher aufgehoben fühlt und auf ein gutes Klima vertrauen kann, dürfte wirksames Lernen wirklich möglich werden.
Lernen durch Üben und Erfahrung
Ein Fach wie Musik wird dabei häufig als unwichtig zur Seite gestellt. Die sogenannten Fächer mit Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen haben ein viel höheres Gewicht und werden in sogenannten „Prüfungen der Basiskompetenzen“ regelmässig auf die Probe gestellt. Ob eine jugendliche Person einen Puls halten, oder mit der Stimme einen Ton singen kann, interessiert dabei niemanden. Ich kann mich jedoch an eine Zeit erinnern, in der dem Fächerkanon stärker eine gewisses „Gleichgewicht“ zugesproche wurde, und Fähigkeiten wesentlich ganzheitlicher betrachtet wurden. Die Rudolf Steiner Schulen hatten in dieser Entwicklung einen wesentlichen Anteil, mit Einzug des analytischen Bildungsmonitorings sind derartige Perspektiven stark ins Hintertreffen geraten.
Der Anteil an akademisch gebildeten Menschen ist in der Schweiz in jüngster Zeit angewachsen. Daher müsste man vermuten, dass die Gesellschaft auch insgesamt „intelligenter“ geworden sein müsste. Dies stimmt jedoch nicht, hat doch der durchschnittliche Intelligenzquotient in den letzten Jahren stetig abgenommen. Ich vermute einen direkten Zusammenhang zwischen einer überintellektuell gesteuerten Bildunsmonitoringtendenz und dem Rückgang der Leistungsfähigkeit. Die Bildungspolitik kriegt es in den meisten Fällen nicht hin, aus den Erkenntissen die richtigen Schlüsse zu ziehen, die Experten und Expertinnen hüten sich davor, auf Grund von Statistiken Empfehlungen abzugeben. Somit entsteht trotz vieler, ja wirklich vieler Zahlen eine gewisse Unsicherheit, welche Entwicklungsschritte in der Bildung wirklich sinnvoll sind.
Persönlich bin ich der Meinung, dass unser Ausbildungssystem stark überladen ist und die Bedürfnisse der Kinder teilweise aus den Augen verliert. Mit neuen, kompetenzorientierten Lehrmitteln werden die Schülerinnen und Schüler geradezu mit Material überschüttet. Aufwendige Wochenpläne zeugen von unzähligen Übungen die quasi ohne wirkliche Verbindung zum persönlichen Lernprozess in unzähligen Stunden hilfloser, überfordernder sogenannter „Selbstständigkeit“ durchexerziert werden. Nein, so lernt ein Kind nicht gut. Das dürfte wohl auf der Hand liegen. Zusätzlich ist das Klima in den heterogenen Schulklassen durch Mangel an gemeinsamen Erlebnissen und gemeinsamen Lernerfahrungen derart angeheizt, dass konzentriertes, gemeinsames Arbeiten häufig nur bedingt möglich ist.
Nein, es braucht nicht mehr Mathematik und Deutschstunden sondern eine Hinwendung zu dem, was gutes Lernen ermöglicht. Ein gutes Lern- und Arbeitsklima, vielfältige Übungsgelegenheiten mit positiven Verstärkungen und Feedbacks zur Entwicklung eines guten, eigenen Lernbewusstseins und Lehrpersonen, die sich getrauen, vom äusseren, enormen Druck zu lösen und Wege suchen, den wirklich wesentlichen Lernprozessen Zeit und Raum zu geben. Dann besteht die Chance, dass mit parallel strengeren Gesetzen zur Mediennutzung im Jugendalter Lernen vermehrt in einer positiven Atmosphäre gelingen kann und dadurch, wesentliche Lernprozesse wieder besser möglich werden. Verschiedene Versuche mit erweitertem Musikunterricht haben schon vor Jahren bewiesen: Nicht die Anzahl Stunden der Kernfächer ist relevant, sondern die effektive Qualität des Lernens.



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