top of page

Mein Leben im Chor: Nikolauskantate



Es gibt Werke im Leben eines Musikers, die sich nicht nur in Erinnerungen festsetzen, sondern in der eigenen Identität eine besondere Bedeutung haben. Für mich ist die Nikolauskantate von Benjamin Britten genau so ein Stück. Es gibt dazu zwei intensive Erinnerungen: die Schallplattenaufnahme im Jahr 1985 mit der Knabenkantorei Basel, damals war ich elf Jahre alt, und die Aufführung 2005 gemeinsam mit der Sinfonietta Basel, bei der ich selbst am ersten Klavier saß.


Die frühen Jahre – Die erste Begegnung mit der Kantate

Als ich frisch in der Knabenkantorei war, war das Chorsingen für mich eine neue Welt, erforderte viel Disziplin und brachte auch, vor allem wenn es um Chorreisen ging, ein Stück kindliche Abenteuerlust mit sich. Die Schallplattenaufnahme der Nikolauskantate im Jahr 1985 war für mich etwas Besonderes. Es gab damals nicht so viele Aufnahmen dieser speziellen Kantate; schon gar nicht auf Deutsch. Dafür ist ihr Klangbild vermutlich zu unkonventionell. Für mich sind jedoch viele ihrer Klänge mit intensiven Kindheitserinnerungen verbunden.

Ich erinnere mich an die Mischung aus Konzentration und Aufregung im Aufnahmeraum. Jeder Ton musste sitzen, jede Phrase hatte Gewicht. Eine besondere Herausforderung war ein Stück, das die Wanderjahre des Nikolaus beschreibt. Der Chor wurde dafür extra klein besetzt, da die a cappella Stellen in sauberer Intonation realisiert werden mussten, wurden wir doch dazwischen immer wieder nahtlos vom Streichorchester abgelöst. Der Mädchenchor wurde damals von der Musikschule Leimental unter der Leitung von Max Ziegler besetzt. Er war gleichzeitig auch Gründer das legendären "Studienchors Leimental“. Dem Mädchenchor kommt vor allem in der Sturmszene eine grosse Bedeutung zu. Er wird jeweils "aus dem off" und in der Kirche von der gegenüberliegenden Empore aus gesungen.


2001 - Leitung des Echochors in der Martinskirche

Im Jahr 2001 hatte ich mein Musikstudium gerade abgeschlossen. Es hat mit einem Lehrdiplom für Klavier, einem Hauptfachbschluss für Chorleitung und einem Diplom zum Gymnasiallehrer insgesamt sieben Jahre gedauert. Schon während des Studiums hatte ich einen eigenen Jugendchor gegründet und den Kammerchor Munzach in Frenkendorf geleitet, als mich Beat Raaflaub, der damalige Leiter der Knabenkantorei fragte, ob ich wieder als Vizedirigent einsteigen wolle, nachdem ich das Singen als Chorsänger während des Musikstudiums einige Jahre vorher aufgegeben hatte. Für mich war das eine tolle Möglichkeit, nochmals in einer anderen Rolle mitzuarbeiten und ich sagte daher gerne zu.

Eines der ersten Projekte, das damals stattfand, war tatsächlich wieder die Nikolauskantate, die ich schon als Kind in der Knabenkantorei gesungen hatte. Beat Raaflaub führte sie damals mit der Muttenzer Kantorei St. Arbogast auf. Ich hatte die Aufgabe, während des Konzerts auf der Empore den Echochor mit den Knaben der Knabenkantorei zu dirigieren. An der Orgel sass Johannes Tolle, der damals noch für kurze Zeit auch als Vizedirigent mitgearbeitet hat.

„Blitze zucken durch die Nacht“, so beginnt der Text des Echochors, der aus der Ferne die brutalen Auswüchse des Sturms offenbart, bevor es Nikolaus schliesslich gelingt, den Sturm mit einem Gebet zu besänftigen. Ich kann mich gut erinnern, wie wir an der Koordination und am Ausdruck dieser sehr exponierten Stelle gearbeitet haben. Es war für mich eine Herausforderng aber auch ein schöner Einstieg als Vizedirigent zu mal meine Mutter damals aktive Sängerin in der Kantorei St. Arbogast war.


2005 - Am Flügel mit Radioaufnahme

Zwei Jahrzehnte nach der ersten Begegnung kehrte die Nikolauskantate wiederum in mein Leben zurück – diesmal auf eine ganz andere Weise. 2005 stand ich nicht mehr im Chor, sondern sass am ersten Klavier, eingebettet in die Sinfonietta Basel. Plötzlich war ich nicht mehr Teil der Stimmen, sondern Teil des Fundaments, das diese trägt.

Diese Perspektive hat alles verändert. Ich hörte die Kantate nicht mehr nur, ich konnte sie aktiv mitgestalten. Die Verantwortung war eine andere: Rhythmus geben, harmonisch stützen, Übergänge tragen. Gleichzeitig war da eine tiefe Vertrautheit – als würde ich einem alten Freund begegnen, den ich lange nicht gesehen habe, und doch sofort wiedererkenne.


Zwei Zeiten, ein Werk

Was mich bis heute fasziniert, ist die Verbindung dieser beiden Erlebnisse. 1985 war ich Teil eines Kollektivs, das Klang erzeugte. 2005 war ich Teil eines Ensembles, das Klang formte. Dazwischen liegt ein persönlicher Weg – musikalisch wie menschlich.

Die Niklauskantate wurde für mich zu einer Art musikalischem Spiegel. Sie zeigt mir, wo ich herkomme, und gleichzeitig, wie ich mich damals entwickelt habe. Vom Knaben im Chor zum Musiker am Instrument – und doch immer verbunden durch dieselbe Musik.


Die Bedeutung heute

Heute steht diese Kantate für mehr als nur ihre Aufführungen. Sie ist für mich ein Symbol für Kontinuität, für Wachstum und für die Kraft der Musik, Menschen über Jahrzehnte hinweg zu begleiten.

Wenn ich daran denke, höre ich nicht nur die Töne. Ich sehe Gesichter, spüre die Atmosphäre, erinnere mich an Lampenfieber, an Stolz, an stille Momente vor dem Einsatz. Und ich erkenne, dass solche Erfahrungen nicht vergehen – sie werden Teil von einem selbst.

Vielleicht ist das die größte Bedeutung dieser Kantate für mich: Sie ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie lebt weiter – in mir.


 
 
 

Kommentare


© Copyright
bottom of page