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Erinnerungen an ein Schwingfest

Aktualisiert: 8. Dez. 2023



Schon lange vor dem Fest war klar, dass uns das gigantische Ausmass des Schwingfests in Pratteln direkt betreffen würde. Als Musiklehrer am Gymnasium Muttenz und Bewohner von Füllinsdorf war ich quasi tagtäglich mit den laufenden Neuerungen auf dem Festgelände direkt oder indirekt konfrontiert. Es war war beeindruckend, welche Hebel für das Grossevent «Eidgenössisches Schwingfest» im Kanton in Bewegung gesetzt werden konnten. Plötzlich waren unsinnige Massnahmen wie beispielsweise die aufwendige Verlegung riesiger Panzersperren möglich, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Tagtäglich konnte ich beobachten wie grosse Bauten und ein gewaltiges Stadion für ein Fest, das im Kern nur wenige Tage dauern sollte, quasi aus dem Boden gestampft wurden.

Anfangs August, kurz vor Beginn des Fest, fahren wir mit der ganzen Familie ein erstes Mal auf das Gelände und besuchen das Eventdorf von Pratteln. Es ist trotz tonnenweise hergekarrtem Sandstrand wenig los an diesem Abend und die Shuttlebusse bleiben meist leer. Während die Kinder an Ständen Specksteine bearbeiten oder Pfeilbogen schiessen können, kann ich es mir nicht verkneifen, kurz auch das riesige Stadion näher anzuschauen. Der Weg ist nicht schwierig zu finden. Er führt an riesigen Zelten der Sponsoren vorbei über einen gigantischen, hölzernen Bahnübergang zu einer eigens für Anlieferungen asphaltierten Strasse und schliesslich direkt ins Stadion, wo bei grösster Hitze und Trockenheit schon anfangs August die Geranien blühen und Tag und Nacht bewässert werden.

Kurz vorher hatte ich an einem anderen Anlass ein Mitglied des Oks kennengelernt, das für Nachhaltigkeit des Fests zuständig war. Die längerfristige Wirkung war im Vorfeld also durchaus ein Thema. Viel davon geblieben ist nach meiner Beobachtung jedoch nicht. Bei riesigen Defizits, teuer eingekauften Events, Heidichoreographien über Swisspop bis zu Girls, die mit knackigen Höschen am Festakt um die Kampfringe rumtänzeln ist doch vieles des Fests danach schlicht in Schall und Rauch aufgegangen. Ich weiss bis heute nicht, wie ich die Worte des Präsidents des Schwingerverbands an der Eröffnung zum Thema «Demut» bei diesem Gigantismus einordnen soll.

Und dann kommt der Tag, als auch ich mit Familie das Fest auch besuche. Am Rand des kleinen angrenzenden Wäldchens schlafen am Boden einige den Rausch einer durchgezechten Nacht aus während vor der Prattler Eventbühne am Tag des Schlussgangs bei einem Konzert nur noch wenige Leute anzutreffen sind. Tausende Zuschauende verfolgen das Geschehen im Stadion auf Leinwänden. Nicht weit davon entfernt spielt etwas einsam und verlassen eine regionale Schwyzerörgeliformation. Ab und zu ist ein riesiges Raunen aus dem Stadion zu vernehmen. Wir durchqueren das Gelände und treffen auf der anderen Seite eine Art Gewerbeausstellung an, an der sich unzählige regionale Firmen ein Stelldichein geben. Die Landfrauen erklären uns, dass sie ihre Säfte leider nicht verkaufen könnten, da sie Ramseier als Hauptgetränkesponsor nicht konkurrenzieren dürften. Unterwegs treffen wir unzählige wilde Getränkeverkäufer an, die ihre Ware auf Wägelchen anbieten. Nein, es ist kein Ramseiermost.

Als wir auf dem Rückweg sind, beginnt gerade die Pause im grossen Stadion. Die Menschen strömen massenweise aus den Ausgängen Richtung Bahnübergang zu den Verpflegungsplätzen. Wir nehmen die Kinder fest an die Hände und lassen uns mit den Menschenströmen treiben. Die Stimmung ist gelassen und friedlich; ich möchte mir lieber gar nichts anderes vorstellen und verdränge mediale Horrorberichte von Massenhysterien.

Im Eventdorf treffen wir einige Besucher aus der Innerschweiz an. Sie sagen uns, es sei ein schönes Fest; tipptopp organisiert, gute Stimmung. Es klingt zufrieden und freundlich aber nicht unbedingt enthusiastisch. Bei allen Lobeshymnen stimmen für mich persönlich Aufwand und Ertrag des Schwingfests nicht. Aus der Gartenausstellung «Grün 80», die ich mit sechs Jahren erlebt habe, ist immerhin ein Naherholungsgebiet entstanden, das ich bis heute gerne besuche. Im Vergleich dazu haben unsere Kinder wenig vom Schwingfest mitnehmen können. Gleichzeitig verlottern in unseren Wohngemeinden die Primar- und Sekundarschulhäuser und die Pflegekosten des Altersheims verschlingen mittlerweile über 10% des Steueraufkommens unserer Gemeinde. Im Herbst steigen die Krankenkassenprämien voraussichtlich um weitere 8% an.

Ja, es war ein schönes Schwingfest, aber irgendwie auch irreal überdimensioniert und nur wenig nachhaltig . Zur Lösung aktueller, gesellschaftlicher Herausforderungen hat es mit Schwung und Herz herzlich wenig beigetragen.

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