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Jodeltraumas: Zwischen Herzklopfen und Kehlkopfschlag

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Jodeln – innig, verbindend und manchmal überraschend herausfordernd. Gerade jetzt, wo im Sommer 2026 in Basel das Eidgenössische Jodelfest stattfindet, fällt mir wieder ein, wie ambivalent meine eigenen Erfahrungen mit dem Jodeln sind.


Verband oder Freiheit?

Laut Dieter Ringli, Ethnologe und Jodel-Experte, ist das traditionelle Schweizer Jodeln gar nicht so uralt, wie man denkt – etwas mehr als 100 Jahre ist es her, seit der Schweizerische Jodelverband gegründet worden ist. Er  hat mit klaren Vorgaben festgelegt, wie der „echte Schweizer Jodel“ zu klingen hat.

Für mich persönlich wirkt das einengend. Historische Aufführungspraxis in der klassischen Musik macht Sinn – über Generationen entwickelte Stilformen. Aber ein Verband, der genau vorschreibt, wie ein ganzer Volkssound klingen muss? Da ziehe ich die Freiheit vor.


Loriot trifft Jodelunterricht

Wer Humor im Jodel schätzt, sollte Loriots Sketch „Die Jodelschule“ kennen.


Sein Satz „Du dödel di, 'dö dudel dö' ist zweites Futura Sonnenaufgang“ bringt die manchmal übertriebenen Formalismen der Szene treffend auf den Punkt.


Mein erster Kontakt mit dem Jodel

In der Knabenkantorei wurde nicht gejodelt, wir sangen traditionelle Schweizer Chorlieder von «La haut sur la montagne» bis «Hinder em Münschter». Später probierte mein Kollege Christoph Huldi ein Stück der legendären Marianne Smug«Schwyzer-Jödeli».

Wir setzten die oberen Stimmen – eigentlich für Solist:innen gedacht – mit Sopran und Alt um, die Männer übernahmen stehende Akkorde. Das klang überraschend gut und ich führte diese Umsetzung auch in meinen gemischten Erwachsenenchören ein.


Jodeltrauma #1: Die Jodellehrerin

Eine Sängerin nahm Jodelunterricht und wollte das Stück ihrer Lehrerin zeigen. Ich stimmte zu, obwohl mir bewusst war, dass der sogenannte Kehlkopfschlag normalerweise Solojodeln vorbehalten ist.

Eine Woche später kam die Rückmeldung: „Du darfst das Stück gar nicht proben, wenn du keine Jodel-Expertise hast.“ Eine kleine Lektion in Hierarchie der Szene – für mich eine Erinnerung daran, dass Jodeln als Gruppenprozess oft strenger organisiert wird, als man denkt.


Jodeltrauma #2: Sommerakademie für Volkskultur

2008 auf der Sommerakademie für Volkskultur stand ich als Outsider zwischen erfahrenen Volksmusikexpert:innen. Nervös nahm ich allen Mut zusammen und fragte, ob der sogenannte Zungenschlag eigentlich nur ein Registerwechsel sei.

In meiner Aufregung verwechselte ich Zungenschlag und Kehlkopfschlag – und sofort war die Meinung gemacht: „Der hat keine Ahnung von unserem legendären Kehlkopfschlag“ Ich konnte meinen Versprecher kaum noch richtigstellen und erntete ein entrüstetes Raunen aus der Runde.


Zwei Herzen in der Brust

Bis heute habe ich beim Jodeln zwei Herzen:

  1. Das Herz der Freude: Ich liebe den Klang, die Freiheit, das Gemeinschaftsgefühl beim Singen.

  2. Das Herz der Erfahrung: Jodeln in Gruppen ist eine Kunstform mit Regeln – man gehört dazu oder man beobachtet.

Die gute Nachricht: Die junge Szene hat sich geöffnet. Jodeln wird heute unkompliziert und frisch praktiziert, ohne übermäßige Formalismen.


Fazit

Jodeln bleibt für mich faszinierend: historisch spannend, technisch interessant und vor allem eine Quelle purer Freude.

Mein Tipp: Traut euch, jodelt – mit Herz, mit Stimme und ohne sich von Regeln oder Verbandsdogmen gross einschüchtern zu lassen.

 
 
 

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