Wenn Noten unfair streng sind – warum Bewertungssysteme kein objektives Maß für Leistung sind
- juergsiegrist
- vor 4 Stunden
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Noten gelten als neutral, objektiv und gerecht. Sie entscheiden über Bildungswege, Selbstbilder und Zukunftschancen. Doch was, wenn das System selbst systematisch zu streng ist? Was, wenn „schlechte Noten“ nicht primär mangelnde Leistung abbilden, sondern strukturelle Verzerrungen eines Bewertungssystems?
Die Bildungsforschung zeigt deutlich: Notengebung ist kein objektives Messinstrument, sondern ein soziales Konstrukt. Sie ist geprägt von Normen, Erwartungen, subjektiven Bewertungen und institutionellen Strukturen. Noten messen keine Leistung im physikalischen Sinn, sie interpretieren Verhalten, Wissen und Ausdruck innerhalb eines bestimmten Systems.
Noten suggerieren Vergleichbarkeit. Eine „2“ soll dasselbe bedeuten – unabhängig von Schule, Lehrkraft oder Region. In der Realität ist das nicht der Fall. Die gleiche Leistung kann von verschiedenen Lehrkräften unterschiedlich bewertet werden. Bewertung ist abhängig von Kontext, Erwartungshaltung und individueller Normsetzung. Leistung wird nicht gemessen, sondern beurteilt.
In vielen Bildungssystemen existiert eine unausgesprochene Logik: Sehr gute Leistungen müssen selten sein. Daraus entsteht eine künstliche Verknappung guter Noten. Klassen werden intern sortiert, Leistungen relativ zueinander eingeordnet, statt individuell und kriterial bewertet zu werden. Pädagogisch spricht man hier von sozialer Normierung: Nicht die Kompetenz entscheidet, sondern der Vergleich mit anderen.
Vergleichsstudien zeigen, dass Menschen mit ähnlichen Kompetenzen in unterschiedlichen Systemen unterschiedliche Bewertungen erhalten. Internationale Bildungsprogramme wie die Studien der OECD und Vergleichserhebungen wie PISA machen deutlich, dass Leistungsniveaus durchaus vergleichbar sein können, Bewertungssysteme jedoch nicht. Noten sind kulturell, institutionell und systemisch geprägt. Strenge ist damit kein individuelles Problem einzelner Lehrkräfte, sondern ein strukturelles Phänomen.
Hinzu kommt die psychologische Logik der Defizitorientierung. Viele Bewertungssysteme funktionieren nach dem Prinzip der Fehlerzählung. Abzüge dominieren, Defizite wiegen mehr als Kompetenzen. Die leitende Frage lautet nicht: Was kann diese Person? Sondern: Was fehlt noch zur Idealnorm? Diese Logik erzeugt automatisch strenge Bewertungen – selbst bei guten Leistungen.
Neben der fachlichen Leistung wirken zudem unausgesprochene Erwartungen: Sprachstil, Ausdrucksformen, Auftreten, kulturelle Codes und soziale Prägung fließen unbewusst in Bewertungen ein. Leistung wird dadurch nicht nur fachlich, sondern kulturell bewertet. Bewertung wird Anpassungsleistung, nicht reine Wissensmessung.
Zu strenge Notengebung ist deshalb kein Einzelfallproblem, sondern Ergebnis normorientierter Systeme, kultureller Erwartungsstrukturen, defizitorientierter Pädagogik, institutioneller Vergleichslogik und subjektiver Interpretationsmacht. Noten messen keine objektive Leistung. Sie spiegeln Systemlogiken, Machtstrukturen und Bewertungsnormen.
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, ob Lernende gut genug sind. Vielleicht lautet sie vielmehr: Ist unser Bewertungssystem gerecht genug? Denn ein System, das Menschen systematisch als „nicht ausreichend“ bewertet, produziert nicht Wahrheit, sondern Normalisierung, Anpassungsdruck und fragwürdige Selektion.



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