Warum Musik an der Volksschule wichtiger ist, als wir denken
- juergsiegrist
- 11. Okt.
- 2 Min. Lesezeit
Lange ist’s her, seit ich während des Studiums in Luzern an einem Seminar zum Thema „Erweiterter Musikunterricht“ teilgenommen habe. Schon in den Siebzigerjahren hat Ernst W. Weber Versuche mit erweitertem Musikunterricht durchgeführt, die sehr erfolgreich waren. Später hat dann der Verband Schweizer Schulmusik das Konzept in der ganzen Schweiz bekannt gemacht, und mehrere Kantone haben den erweiterten Musikunterricht in ihr Ausbildungskonzept aufgenommen. Auch in Basel existierten lange die sogenannten „EMOS-Klassen“. Leider wurden sie erwiesenermaßen vor allem von Kindern mit bürgerlichem Hintergrund genutzt, was längerfristig dazu geführt hat, dass sie abgeschafft werden mussten.
Musik als kulturelles Schulfach hat in der schweizerischen Ausbildungslandschaft einen recht hohen Stellenwert. Eine besondere Stellung haben in diesem Zusammenhang die Musikschulen, die in vielen Gemeinden in den Siebzigerjahren gegründet worden sind. Sie sind jedoch meist auf den instrumentalen Unterricht in der Freizeit spezialisiert und nicht zwingend in das Ausbildungskonzept der Volksschule integriert. Ein Umstand, der dazu führt, dass die Spezialist*innen tendenziell eher an der Musikschule unterrichten, während an der Volksschule die Qualität des Musikunterrichts – wenn er denn überhaupt stattfindet – stark von der Ausbildung und Neigung des unterrichtenden Personals abhängig ist.
Auch im Kanton Baselland hatte der Musikunterricht an der Volksschule lange einen hohen Stellenwert. Am ehemaligen Lehrerseminar in Liestal wurden musikspezifische Aufnahmeprüfungen durchgeführt, und bei ungenügenden Leistungen in diesem Bereich konnte die Ausbildung nicht in Angriff genommen werden. Mit der Gründung der Fachhochschule Nordwestschweiz, die auf Druck des Bundes vollzogen werden musste, änderte sich die Lage schlagartig. Auszubildende müssen seither keine spezifischen Fähigkeiten beim Antritt des Studiums ausweisen. Immerhin wurde vor einigen Jahren die FMS derart reformiert, dass im Bereich Pädagogik Musik intensiver ausgebildet werden kann. Trotzdem sind an der Fachhochschule viele Student*innen anzutreffen, die mittlerweile den Fachbereich Musik in ihrer Ausbildung sogar ganz abwählen.
Mit bikantonalen Leistungstests wurde in den letzten Jahren ein System etabliert, das im Bildungsmonitoring einen derart hohen Stellenwert erreicht hat, dass die Ausbildungsqualität in den Kernfächern stärker in den Fokus der Bildungspolitik geraten ist. Es ist erwiesen, dass gerade EMOS-Klassen in den Kernfächern trotz weniger Unterricht auf das gleiche, wenn nicht sogar ein besseres Niveau kommen können. Dies dürfte vor allem mit dem starken sozialisierenden Effekt des gemeinsamen Musizierens zusammenhängen – ein Phänomen, das in den letzten Jahren in der bildungspolitischen Diskussion eher ins Hintertreffen geraten ist. Zusätzlich ist die Frage, ob Musik wirklich „intelligent macht“, in der Wissenschaft stark umstritten. Bei Diskussionen zum Stellenwert des Fachs wird dieses Argument gerne verwendet, um Musik in die Rolle eines „Randfachs“ zu drängen.
Seit längerem wird versucht, mit höheren Dotationen den schwindenden Fähigkeiten unserer Jugend in Mathematik und Deutsch Herr zu werden. Über die Frage, wie Unterricht wirksam gestaltet werden kann, wird dabei eher wenig diskutiert. Genau hier kommen Fachbereiche wie Musik ins Spiel. Gerade weil Musik einen stark sozialisierenden Effekt hat, kann ein wirksamer Musikunterricht auf das Klassenklima und auch auf das Lernklima einen starken Einfluss haben. Zusätzlich kann ich mich an viele Lehrpersonen erinnern, die in ihrem Unterricht immer wieder auch Musikbeispiele eingesetzt haben. Ein ganzheitlicher, vielfältiger Unterricht setzt Musik bewusst dafür ein, Zugänge zu Geschichte, Sprachen, Gedächtnis, Stimmausdruck und vielem mehr zu erweitern. Wie man das wirksam und alterskonform macht, wissen heute viele Lehrpersonen nicht mehr – und damit werden im Unterricht tagtäglich Chancen verpasst, anregende Methodenvielfalt zu leben und einzusetzen.





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