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Eine neue, jugendliche Schöpfung

Aktualisiert: 28. Apr. 2023


Nun ist die Katze also aus dem Sack und die Première der Schöpfung am Theater Basel ist bereits über die Bühne gegangen. Während ich vorher noch etwas unter«Antispoilerdruck» gestanden habe, kann ich seit gestern nun etwas freier schreiben, weil seit der Première «die Schöpfung» am Theater Basel nun öffentlich für alle zugänglich ist.

Am Anfang eines derartigen Projekts hat wie immer die Frage gestanden, wie der uralte Stoff «Schöpfung» in einem aktuellen Theaterbetrieb aufgearbeitet werden kann. Es versteht sich von selbst, dass es dabei weit um mehr geht, als nur darum, eine weitere, inszenierte «oratorische Aufführungsvariante» von Haydns Schöpfung gefällig und gut bekömmlich dem Publikum zu präsentieren. Das Theater Basel hat in der Frage der gesellschaftlichen Relevanz seit Jahrzehnten in seinen Produktionen einen anderen Anspruch, als nur zu reproduzieren und zu gefallen. Es will viel mehr bedeutsamen Stoff in einen gesellschaftlich relevanten, neuen Kontext setzen und dabei von Konventionen absehen.

Wie macht man das nun in einem Riesenprojekt, an dem zwei Gymnasialchöre, ein Orchester auf historischen Instrumenten, Solist*innen und der hausinterne Theater- und Extrachor beteiligt sind? Diese Frage zu beantworten, war am Anfang vermutlich kein einfaches Unterfangen. Zusätzlich kam noch die Herausforderung, die jungen, im Theaterbetrieb noch eher unerfahrenen Menschen so gut zu integrieren, dass am Schluss alle irgendwie auf ihre Rechnung kommen können.

Das Produktionsteam des Theaters hat sich schon sehr früh mutig dafür entschieden, den jugendlichen Menschen, Stimmen und Instrumentspielenden im ersten Teil der Aufführung eine eigene Rolle im Sinne einer arrangierten Voraufführung zu geben. Alle Ausführenden vom Orchester über die Solist*innen, Schauspielenden bis zum Chor sollten ausschliesslich Schülerinnen und Schüler sein. Um diese Rollen möglichst gut zu besetzen, wurden daher zu Beginn des Projekts an den Schulen unzählige Castings durchgeführt, an denen die Ausführenden ihr Pontetial und ihre Motivation zeigen mussten. Aus diesen Castings wurden drei Gruppen gebildet: Ein Cast A für das Schauspiel und die Darstellung der Jugendgruppe, die im zweiten Teil der Aufführung durch die Stadt zieht, ein Cast B für die ganze Voraufführung des ersten Teils im Foyer inklusive eigenem Orchester und ein Cast C für die grossen Schlussszenen mit Chor. Schon nur diese drei Gruppen in der Proben-Planung angemessen einzubeziehen, war anspruchsvoll.

Nun zeigte sich jedoch bald in der Entwicklung der Arbeit, dass mit der Idee der Live-Produktion von Videos, die zusätzlich aus der Stadt direkt auf die grosse Bühne übertragen werden, eine weitere recht komplexe Ebene ins Projekt integriert werden musste, zumal die Filme von den Handys der umherziehenden Kids direkt übertragen werden und parallel zu Haydns Schöpfung auf der grossen Bühne auf diese Weise eine zweite, schöpferische Geschichte der Jugendlichen erzählt wird.

Das ist doch arg viel Dynamik in einem grundsätzlich schon recht voll geladenen Projekt. Genauso war auch mein Eindruck, als ich den Film im Theater vor einer Woche zum ersten Mal auf der grossen Bühne mitverfolgt habe. Gleichzeitig sind die technischen Anforderungen des Konzepts sehr hoch und somit auch pannenanfällig. So weit so gut, doch was ist nun am Ende herausgekommen?

Vor einigen Tagen habe ich mit einigen Schülerinnen und Schülern über die Produktion und ihre Eindrücke diskutiert. Die Meinungen gingen schon vor der Première auseinander. Die einen fanden das Konzept irritierend und teilweise etwas langfädig, die andern fanden es toll, weil sie sich als Jugendliche darin wiederfinden konnten. Beides ist zutreffend. Wer jedoch eine stimmige, harmlose und gefällige Schöpfungsaufführung erwartet, wird eher enttäuscht werden. Während im ersten Teil die lieblichen fast naiven Elemente überzeichnet dargestellt werden, sind wir im zweiten Teil einer Flut medialer Bilder ausgesetzt, die ein emotionales Eintauchen für das Publikum wenig möglich macht.

Das professionelle Orchester und der Theaterchor leisten in dieser Produktion sehr gute Arbeit. Die Solistinnen und Solisten wurden sorgfältig ausgewählt und singen ausgewogen und doch ausdrucksstark. Die Chöre wurden schön und klanglich überzeugend gestaltet. Nach meinem Empfinden wurden sie manchmal etwas gar überartikuliert ausgeführt.

Die Filmszenen zu Haydns Musik erzeugen auf der grossen Bühne ein insgesamt stimmiges Gesamtkunstwerk, das ich in dieser Form noch nie gesehen habe. Religiöse Themen zu Moral und Gesellschaft werden zwar angesprochen, das geschieht jedoch eher subtil und ohne Fingerzeig. Wer ist denn nun die verführende Schlange? Das Handy? Ein Migroscenter? Der Alkohol? Ein verrückter Sektenprediger?

Das Theater Basel wollte mit «ihrer Schöpfung» eine komplett neue, eigene Schöpfung auf die grosse Bühne stellen. Mediale Welten prägen den Kern der Aufführung wie auch die Welt der Jugendlichen und vieler Menschen in der heutigen Zeit. Diesem Einfluss kann sich niemand entziehen und insofern stellt die Produktion einen wesentlichen Beitrag zur Frage dar, wie Medien zu einer starken, beeinflussenden Macht in unserer Gesellschaft geworden sind. Die Musik klingt dazu wie aus einer fernen Welt, die uns stetig daran erinnert, dass das nicht immer schon so war. Schon nur der Mut, dies mit hunderten von Personen auf diese Weise ins Foyer und auf die grosse Bühne des Theaters Basel zu stellen ist beeindruckend und visionär. Ein Gesamtkunstwerk, das man nicht verpassen sollte.

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